Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

Menü

Hautnah

Geschätze Lesezeit: 3 Minuten

Achsah Seyoum – 17. Jan. – 20. Feb.

Achsah Seyoums Arbeiten haben auf den ersten Blick etwas Beunruhigendes. Man sieht die Spuren, bevor man sie versteht. Gesichter tragen Schnitte, Muster und erhabene Strukturen. Die Oberflächen wirken zugleich verletzlich und hart. Manche Betrachter:innen wenden den Blick schnell ab. Andere treten näher heran.

Achsah begann mit einem Interesse an Tätowierungen – an den Weisen, wie Menschen den Körper verändern, um Erinnerung, Identität, Schönheit oder Zugehörigkeit zu tragen. Doch während ihrer Recherche zu Praktiken der Körpermodifikation stieß sie auf Geschichten, die ihre Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenkten. Sie fand eine Abhandlung darüber, wie europäische Missionare in afrikanischen indigenen Gemeinschaften die Skarifizierung als „schlechte Praxis“ verurteilten und sie als Zeichen von Primitivität und Rückständigkeit darstellten. Mit der Zeit gingen diese Urteile in die öffentliche Wahrnehmung über. Praktiken, die einst spirituelle, kulturelle und ästhetische Bedeutung hatten, wurden verdrängt, verborgen oder ganz aufgegeben.

Diese Entdeckung ließ sie nicht los, weil die darunterliegende Frage ihr vertraut erschien: Wer entscheidet, welche Körper als schön gelten und welche nicht? Welche Traditionen werden bewahrt, und welche werden ausgelöscht?

Ihre Recherche führte sie zu verschiedenen Gemeinschaften, in denen Skarifizierung bis heute existiert: zu den Suri in Äthiopien, den Batammariba-Gemeinschaften in Togo und Benin sowie in die Sepik-Region in Papua-Neuguinea. Was sie daran interessierte, war nicht das Spektakel. Es war die Ernsthaftigkeit der Praxis. Skarifizierung war in diesen Kontexten nie bloßer Schmuck. Die Zeichen konnten Übergangsriten, Stärke, Schutz, Gruppenzugehörigkeit, Spiritualität oder persönliche Transformation bedeuten. Der Schmerz selbst wurde Teil der Bedeutung.

Zurück im Atelier begann Achsah, diese Geschichten auf Leinwand und im Siebdruck zu übertragen. Sie arbeitet mit Silhouetten vernarbter Porträts, die sie auf strukturierte Oberflächen überträgt und anschließend mit wiederholten Motiven umgibt, die direkt aus Skarifizierungsmustern abgeleitet sind. Die Kompositionen wirken vielschichtig, beinahe zeremoniell. Raue Texturen stehen weichen Pastelltönen gegenüber.

Skarifizierung wurde durch eine koloniale Perspektive oft als Ausdruck von Schaden oder Wildheit abgetan, während viele heute weltweit akzeptierte Formen der Körpermodifikation – Schönheitsoperationen, Tätowierungen, Filler, Piercings – auf ähnlichen Vorstellungen von Schmerz, Transformation und Schönheit beruhen. Achsahs Arbeit ebnet diese Unterschiede nicht ein, legt aber die Widersprüche offen, mit denen Kulturen einander beurteilen.

Eine Besucherin betrachtet ein großes Gemälde mit mehreren Figuren.

Für Studio 11 ist es wichtig, künstlerische Positionen wie die von Achsah zu unterstützen, weil sie erweitern, was zeitgenössische afrikanische Kunst umfassen kann. Die Arbeit ist zutiefst persönlich, spricht aber zugleich größere Fragen von Erinnerung, kolonialem Erbe, Identität und Selbstbestimmung an. Sie erinnert uns daran, dass Schönheit niemals neutral ist. Sie wird durch Macht, Wiederholung und Geschichte geformt.

Achsahs Arbeit holt diese Geschichten wieder an die Oberfläche – im wörtlichen wie im emotionalen Sinn. Die Spuren bleiben sichtbar. Die Fragen ebenso.

Mehr zur aktuellen Ausstellung und den gezeigten Kunstwerken findest du auf der Website von Studio 11.

Ähnliche Beiträge

Verbindungen

In Connections verwandelt Malaika Beshah das Puzzle in eine kraftvolle Metapher für Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit in einer fragmentierten Welt.

Zwischen Damals und Jetzt

Die Ausstellung „Zwischen Damals und Jetzt“ zeigt Abel Lemas vielschichtige abstrakte Gemälde und markiert einen wichtigen Schritt seiner Anerkennung in der Kunstszene.

Das Vermächtnis eines Mannes

Festhalten an dem, was vergeht – eine fotografische Hommage einer Tochter