Liebesbrief an das Ungesehene
(6. Dez – 11. Jan)
Yeabkal Yetneberk
Yeabkal fiel uns auf, weil er ein Fotograf war, der einfach aufmerksam war – aufmerksam gegenüber seiner Zeit. Als Studio 11 seine Arbeiten zum ersten Mal auf Instagram entdeckte, hatte sein Account gerade einmal etwas über 400 Follower. Was hervorstach, war nicht klassische Komposition, sondern Sensibilität. Er fotografierte Menschen, die sich durch Addis Abeba bewegten – in einer Phase, in der sich die Stadt selbst erschüttert und unruhig anfühlte.
Yeabkal stammt nicht ursprünglich aus Addis Abeba. Er kam als Beobachter dorthin, nicht als jemand, der tief in den Vierteln verwurzelt war, die sich gerade rasant veränderten. Diese Distanz erlaubte es ihm, die Stadt ohne Nostalgie oder persönliche Bindung zu dokumentieren – aber mit großer Sorgfalt. Er bemerkte, wie Menschen an Baustellen innehielten, wie sich Alltagsabläufe verschoben, wie sich Unsicherheit in das tägliche Leben einschlich.
Addis Abeba erlebt derzeit einen massiven infrastrukturellen Wandel. Straßen werden verbreitert. Gebäude verschwinden. Gemeinschaften werden verdrängt. Love Letter to the Unseen zeigt, wie diese Veränderungen Menschen ganz leise betreffen – in Momenten, die kaum je Schlagzeilen machen.
Die Ausstellung wurde schließlich die letzte Schau des Jahres 2025. Viele Besucher erzählten, dass sie sich auf unerwartete Weise gesehen fühlten. Es war keine reine Geschichte über Fortschritt oder Verlust, sondern über Anpassung.
Für Yeabkal markierte die Ausstellung einen Wendepunkt. Seine Arbeit wanderte vom kleinen Handybildschirm in einen physischen Raum, in dem man ihr langsam und bewusst begegnen konnte. Für das Publikum bot sie eine seltene Gelegenheit, innezuhalten und darüber nachzudenken, wie sich Veränderung anfühlt, wenn man mitten in ihr lebt.
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